Idiopathische Fazialisparese
Synonym: Bell's Palsy
Äthiologie
Häufigste Ursache der peripheren Fazialisparesen ist
Klinik
- akut einsetzende Symptomatik
- einseitige Schwäche aller vom N.facialis versorgten Muskeln:
- Stirnrunzeln eingeschränkt
- Lidschluß eingeschränkt
- hängender Mundwinkel
- keine Sensibilitätsstörung
- wird eine Gefühlsstörung beschrieben, so ist diese oft eine falsche
Umschreibung der Schwere der Lähmung. Der Pat. berichtet oft von einem
"unnatürlichen" oder "bamstigen" Gefühl in der
gelähmten Gesichtshälfte.
- Entsprechend der Anatomie sind auch möglich
- Störung der Tränen- und Nasensekretion
- Hyperakusis mit Ausfall des Stapediusreflexes (initial)
- eine einseitige Geschmacksstörung im vorderen Drittel der Zunge (der über die Chorda
tympani vermittelten Qualitäten)
- eine Störung der Speichelsekretion
- retroaurikulärer Schmerz (initial)
- Bei sorgfältiger Untersuchung auch gelegentlich eine Mitbeteiligung anderer Hirnnerven.
Neurophysiologische Verfahren (z.B. Stimulations-EMG,
Magnetstimulation, Blinzelreflex) tragen zu Diagnostik und Prognosebeurteilung bei.
Dyskinesien und "Krokodilstränen" (Fehlsprossung) und Kontrakturen der
mimischen Muskulatur sind bekannte Residuen.
Diagnostik
Ausschluß symptomatischer Fazialisparesen. Diagnostische
Schwierigkeiten können sich z.B. ergeben beim Zoster oticus ohne typische Effloreszenzen
oder wenn die Fazialisparese Erst- oder Alleinsymptom einer Lyme-Borreliose (F.1-2.2) oder
einer Entmarkungskrankheit (Oligodendroglia am proximalen Nervenabschnitt) ist.
Therapie
- Bei Fehlen von Kontraindikationen möglichst frühzeitiger Beginn (innerhalb von 48h
nach Einsetzen der Symptomatik) einer Kortisontherapie in Anlehnung an das Schema von
Adour mit Prednisolon (Aprednisolon® 25mg tbl, 5mg tbl) initial 1-1,5mg/kgKG über 3-5
Tage, danach Reduktion um 10mg/d, oder direkt absetzen.
- wir geben: Aprednisolon® 50mg (o. 75mg) 1-0-0 f. 1 Wo.
- Relative Kontraindikation der Kortisontherapie sind Diabetes mellitus,
Magenulkusanamnese, Gravidität, sehr niedriges oder hohes Lebensalter. Bei
Fazialisparesen im Rahmen eines Zoster oticus Therapie mit Aciclovir (Zovirax®)
3x5mg/kgKG/d mit langsamer Reduktion über 2 Wochen.
- Unterstützende häufige Beübung der mimischen Muskulatur vor dem Spiegel. Vor allem
nachts Uhrglasverband mit Augensalbe, künstliche Tränen (Protagent®) 4xtgl bei
inkomplettem Lidschluß (als Gel: Vidisic® Augengel)
- Operative Dekompression des Nerven nur bei Paresen, die schlagartig mit einem Trauma
einsetzen. Abwarten, wenn sich eine Parese mit zeitlicher Latenz zum Trauma entwickelt.
- Reizstrombehandlung der mimischen Muskulatur werden nicht empfohlen.
- Bei inkompletter oder ausbleibender Rückbildung stehen eine Reihen rekonstruktierender
operativer Maßnahmen zur Verfügung.
Verlauf
Die Pathologie ist bisher nicht ausreichend untersucht. In 80% der
Fälle bildet sich die Lähmung in Wochen bis Monaten zurück, auch spontan. Ist die
Parese unvollständig, bzw. in Rückbildung in der ersten Woche, kann dies als günstig
gewertet werden.
Ungünstig sind
- vollständige Lähmung
- Persistieren in der ersten Woche
- fortgeschrittenes Alter der Patienten
- Diabetes mellitus
- arterieller Hypertonie.
Ist die Lähmung vollständig oder persistiert in der ersten Woche, so
muß man sich auf eine längere Heilungsphase (bis 3 Monate) einstellen. Manchmal dauert
es bis zu 2 Jahre. Die Heilung ist dann meist unvollständig und es kann zur aberanten
Regeneration kommen. Hierbei wachsen Nerven falsch ein. Man findet dann beispielsweise
- Krokodilstränen
- Dyskinesien
- "Jaw winking"
Links
- Logopädische Therapie der Facialisparese:
Logopädie-Austria
- Powerpoint-Präsentation:
Facialisparese. Anmerkung: die Präsentation zeigt auch die
differentialdiagnostischen Aspekte. Die angegebenen Prozentangaben und
Therapieschematas kritisch hinterfragen.
- 2007 aktuelle Information zur Therapie der
Facialis-Parese im NEJM:
Sullivan et al 2007 Aprednisolon oder Aciclovir - Ergebnis: Prednisolon
wirkt signifikant, nicht aber Aciclovir.
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