Multiple Sklerose
Therapie zur Verminderung der Progression
Studien zur Progredienz der Erkrankung sind wegen des sehr variablen klinischen
Verlaufs nur schwer beurteilbar, zudem sind sie meist nicht miteinander vergleichbar, da
unterschiedliche Studien-Einschlußgründe und auch unterschiedliche Bewertungen (z.B.
MR-Veränderungen) erfolgten. Mit Hilfe der MR-Tomographie können auch subklinische
Verläufe erfaßt werden; die Gabe von Gadolinium ermöglicht, akute Herde von Glianarben
zu unterscheiden. Es wird deswegen allgemein gefordert, dass neue Studien
MR-Verlaufskontrollen vorsehen.
Wenige Substanzen sind heute (1998) ausreichend in ihrer Wirkungsweise belegt, dies
sind Interferon Beta-1a und Interferon Beta-1b, Copolymer-1 (COP-1) und Immunglobuline.
Interferone
Interferone sind Zytokine. Durch virale Infektionen und andere biologische Induktoren
induzieren sie antivirale, antiproliferative und immunmodulatorische Abläufe. Für die MS
wurden in multizentrischen Studien Interferon Beta-1a und Beta-1b bewertet und ihre
positive Wirksamkeit sowohl klinisch als auch in MRI-Untersuchungen nachgewiesen. Die
Studienergebnisse beider Interferone sind jedoch nicht direkt vergleichbar. Man kann daher
die Empfehlungen für das eine oder andere Medikament nicht aus den Studienergebnissen
ableiten.
Manche Patienten zeigen unter der Interferon-Therapie eine Wirkungsreduktion. Ob dies
auf neutralisierend wirkende Antikörper zurückzuführen ist, ist nicht erwiesen. Für
die Dauer der Therapie gibt es keine Empfehlung. Gründe für Therapieabbrüche sind
fehlende Wirksamkeit und Unverträglichkeit.
- NW der eingesetzten b-Interferone
- Fieber
- grippeähnliche Symptome
- Muskelschmerzen
- Asthenie
- Schüttelfrost
- Depressionen
- lokale Hautreaktionen
Copolymer-1 (COP-1)
A: Copaxone®
Ein Ansatz dafür findet sich in der Behandlung mit COP-1, einem synthetischen Peptid,
das Ähnlichkeit mit Anteilen des basischen Proteins aus dem Myelin hat. In vitro
verdrängt es myelinbasisches Protein und andere Enzephalitogene aus der Bindung von
antigenpräsentierenden Zellen. In klinischen Studien mit dieser Substanz fand sich bei
Patienten mit schubförmigen Verlauf und geringem neurologischen Defizit eine Verminderung
der Schubrate.
Dies ist die erste antigenspezifische Therapie bei schubförmiger remittierender MS.
COP-1 ist ein synthetisches Polypeptid. Es liegen 2 Studien vor
- Dosis
- 20mg/d s.c.
- hierbei gesicherte Reduktion der Schubfrequenz und signifikante Besserung der
Behinderung
- Patienten mit niedriger Behinderung profitieren am meisten von der COP-1 Therapie.
- MR-Untersuchungen sind bisher noch nicht aussagekräftig.
- NW
- lokale Hautreaktionen (welche oft über die gesamte Behandlungsphase anhalten.
- sporadisch: Engegefühl in Brust, Herzklopfen, Angst, eventuell Dyspnoe für 30s-30min.
Immunglobuline
Intragam® wurde untersucht von der AIMS (Austrian Immunglobulin MS Study Group).
- Dosis
- 0,15-0,2g/kgKG i.v.
- in einer Doppelblindstudie plazebokontrolliert fand sich nach 2 Jahren (in Klammer die
Plazebogruppe)
- Besserung bei 31% (16%) der Patienten (Besserung der EDSS um mindestens 1 Punkt)
- keine Änderung bei 51% (63%)
- Verschlechterung bei 16% (23%)
- Verminderung der Schubrate um mehr als 50%
- NW bei 4% (Placebo 5%)
- in Österreich ist Intragam® zur Zeit (Anfang 1998) noch nicht zugelassen (als
MS-Therapie).
Andere Substanzen
- Methotrexat, Cyclophosphamid, Mitoxantron, Linomide, orales Myelin-basierendes Protein,
Cladribine u.a. Präparate werden zur Zeit noch getestet. Ein seriöser Einsatz außerhalb
von Studien ist zur Zeit nicht gerechtfertigt.
- Kortikosteroide
- In der üblichen Dosierung zeigen Kortikosteroide eine antiphlogistische und
immunsuppressive Wirkung. Unter der Therapie zeigt das Differentialblutbild eine
Leukozytose mit Granulozytose sowie eine Lymphopenie. Dadurch wird bei einer kombinierten
immunsuppressiven Behandlung die Einschätzung der Knochenmarksdepression erschwert.
Kortikosteroide beeinflussen T- und B-Lymphozyten sowie Makrophagen.
- Mit einer Dosiserhöhung nehmen neben dem therapeutischen Effekt immer auch die
Nebenwirkungen zu, insbesondere die Nebennierenrindensuppression. Wird bei konstanter
Gesamtdosis die Einnahme auf mehrere Einzeldosen verteilt, treten mehr Nebenwirkungen auf
als bei einmaliger Einnahme. Die wenigsten Nebenwirkungen sollen bei alternierender
Einnahme (doppelte Tagesdosis in 2tägigem Abstand) auftreten. Dieses Einnahmeschema ist
jedoch zu Beginn einer Behandlung i.a. nicht ausreichend und sollte erst im Verlauf der
Dosisreduktion angestrebt werden. Bei einer kurzfristigen hochdosierten Gabe sind kaum
Nebenwirkungen zu erwarten; vereinzelt wurden jedoch anaphylaktische Reaktionen
beschrieben. Für die Oraltherapie in der Neurologie wird von den meisten Autoren
Prednison und Prednisolon empfohlen, da mit diesen Substanzen die meisten Erfahrungen
vorliegen.
- Nach längerdauernder Therapie muß die Dosisreduktion aufgrund der möglichen
Nebennierenrindeninsuffizienz langsam erfolgen. In Streßsituationen ist evtl. eine
zusätzliche Kortikosteroid-Gabe erforderlich. Bei geplanter langfristiger Therapie
sollten folgende Punkte beachtet werden:
- Röntgenthorax zum Ausschluß eines spezifischen Prozesses
- regelmäßige Kontrollen von Blutzucker und RR, evtl. auch Kontrolle der Elektrolyte
- prophylaktische Gabe von H2-Blockern
- Röntgen-Kontrolluntersuchungen der Wirbelsäule bzw. medikamentöse Behandlung einer
evtl. Osteoporose (v.a. bei Frauen in der Menopause)
- augenärztliche Kontrollen (Katarakt, Glaukom)
- Azathioprin (Imurek®):
- Bei Autoimmunerkrankungen wird i.a. eine Dosis von 2-2,5mg/kgKG/d eingesetzt. Da die
therapeutische Wirkung erst nach einigen Wochen bis Monaten zu erwarten ist, ist bei einer
akuten Symptomatik (z.B. Myasthenia gravis) zu Beginn der Therapie eine gleichzeitige Gabe
von Kortikosteroiden erforderlich. Es besteht ein geringeres Mutagenitätsrisiko als bei
einer immunsuppressiven Therapie mit Cyclophosphamid; allerdings zeigt Azathioprin bei
einigen Erkrankungen (v.a. bei Vaskulitiden) eine schwächere therapeutische Wirkung.
- Sowohl während der Therapie als auch in den ersten sechs Monaten nach Absetzen der
Substanz sind bei Männern und Frauen kontrazeptive Maßnahmen erforderlich. Vor und
während der Therapie müssen regelmäßige Kontrollen der Transaminasen und v.a. des
Differentialblutbildes (Thrombozytopenie möglich!), anfangs in wöchentlichen, später in
2-3monatigen Abständen erfolgen. Ein Absinken der Leukozyten unter 2000-3000/mm3
erfordert ein völliges Absetzen der Medikation für 1-2Wo. Danach sollte die Therapie in
reduzierter Dosis fortgeführt werden. Bei gleichzeitiger Gabe von Allopurinol (Urosin®,
Zyloric®) muß die übliche Azathioprin-Dosis auf ¼ reduziert werden.
- Cyclophosphamid (Endoxan®)
- Cyclophosphamid zeigt bei einigen Autoimmunerkrankungen eine bessere therapeutische
Wirkung als Azathioprin, gleichzeitig aber auch mehr und schwerwiegendere Nebenwirkungen.
Besonders häufig sind
- Übelkeit
- Erbrechen
- Alopezie
- hämorrhagische Zystitis
- Nicht unerheblich, v.a. bei jüngeren Patienten, sind die mögliche Induktion einer
malignen Erkrankung sowie die Teratogenität.
- Neben der oralen Gabe wurde teilweise auch die i.v. Gabe eines Bolus angewandt. In
letzer Zeit werden häufig "Pulstherapien" mit dazwischenliegenden
behandlungsfreien Intervallen empfohlen. Häufig wird eine kombinierte Therapie mit
Kortikosteroiden durchgeführt.
- Zu Beginn einer Therapie müssen Blutbildkontrollen und Dosisanpassungen sehr engmaschig
durchgeführt werden, da sich die Medikamentenwirkung erst nach 5-7 Tage am Blutbild
erkennen läßt. Bei einer Leukozytenzahl <3500/mm3 muß die Dosis angepaßt bzw. das
Medikament kurzfristig abgesetzt werden.
- Zur symptomatischen Therapie der gastrointestinalen Beschwerden wird Metoclopramid
(Paspertin®) bzw. Dimenhydrinat (Vomex®) empfohlen. Auch bei einer niedrigdosierten
Behandlung tritt bei einem sehr hohen Prozentsatz der Patienten eine Alopezie auf, die
allerdings oft auch schon unter Therapie reversibel ist. Um der Entwicklung einer
hämorrhagischen Zystitis vorzubeugen, sollte die orale Einnahme morgens erfolgen.
Außerdem müssen die Patienten angewiesen werden, viel zu trinken. Bei Miktionsstörungen
Katheter. Bei Hämaturie oder Dysurie Abbruch der Medikation. Zur Verringerung der
Blasentoxizität kann zusätzlich Mesna (Uromitexan®) gegeben werden.
Nach retrospektiven Untersuchungen ist eine Verschlechterung der Erkrankung während
der Schwangerschaft eher unwahrscheinlich, allerdings hat man eine erhöhte Schubrate in
den ersten Monaten post partum beobachtet. Bei Kinderwunsch sollte die Beratung immer die
individuelle gesundheitliche und soziale Situation berücksichtigen. Die Grundkrankheit
als solche stellt keine generelle Kontraindikation für eine Schwangerschaft dar.
Eine hormonelle Kontrazeption ist ebenfalls nicht kontraindiziert.
Sollte ein Schub während der Schwangerschaft auftreten, darf Prednison außerhalb des
ersten Trimenons, wenn überhaupt, nur kurzfristig und möglichst niedrig dosiert
angewandt werden. Azathioprin ist während der Schwangerschaft kontraindiziert
und sollte mindestens 6 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft bei den Partnern
abgesetzt werden.
Nach medikamenöser Therapie mit Cyclophosphamid ist von einer Schwangerschaft
abzuraten
Symtomatische Therapie
Bei rezidivierenden Harnwegsinfekten Einsatz von Antibiotika, Die Therapie von
motorischen Syndromen (Spastik, Tremor) und Blasen- und Sexualfunktionsstörungen sowie
evtl. auftretender (zerebraler) Anfälle, oder von Trigeminusneuralgie, sind den
entsprechenden Kapiteln zu entnehmen.
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