Therapie der Dystonien
Selektive und temporäre Denervierung mittels lokaler Injektionen von Botulinum-Toxin
A
Therapie der Wahl (bei Beherrschung der Injektionstechnik und Kenntnis
von lokaler Anatomie sowie Pharmakologie der unterschiedlichen Toxin-Darreichungsformen)
für
- Blepharospasmus
- zervikale Dystonie
- spasmodische Dysphonie, Adductor-Typ
- oromandibuläre Dystonie, Kieferschließungs-Typ
Auch andere fokale Dystonien und Störungen zentral bedingter muskulärer
Hyperaktivität werden zunehmend als Indikationen für Botulinum-Toxin angesehen.
Botulinum-Toxin ist in Großbritannien (März 1991) als Dysport® und in den USA
(Dezember 1989) als Oxulonum von den zuständigen Behörden als Medikament
zugelassen worden. Die Dosis wird als biologische Aktivität in Mäuse-Einheiten (LD 50)
gemessen. Die Mäuse-Einheiten der beiden bedeutendsten Anbieter sind jedoch nicht
vergleichbar!! Das intramuskulär (z.B. Nackenmuskulatur) oder am Lid subkutan injizierte
Toxin verursacht eine Schwäche des Muskels und macht ihn weniger ansprechbar auf die
überschießenden Nervenimpulse. Die unterschiedliche Dauer dieser Wirkung beträgt im
Durchschnitt drei Monate. Die Wirkung setzt nicht sofort nach der Injektion ein. sondern
je nach Art der Dystonie innerhalb weniger Tage. Bei der zervikalen Dystonie (Torticollis)
kann es sein, dass man bis zu 20 Tage (im Mittel 10 Tage) warten muß, bis die Wirkung der
Injektionen voll ausgeprägt ist. Hingegen kann sich bei der spasmodischen Dysphonie die
Wirkung schon nach 24h bemerkbar machen. Da die erste Einspritzung mit einer sehr geringen
Dosis vorgenommen wird, kann die Wirkung zunächst unzureichend sein.
Beim Blepharospasmus erreicht man bei vielen Patienten eine vorübergehende
Beschwerdefreiheit (bei > 90% eine signifikante Besserung).
Bei der zervikalen Dystonie ist bei etwa 80% der Patienten mit einer Besserung der
abnormen Kopfhaltung und Kopfkontrolle zu rechnen. Außerdem berichten viele Patienten
über eine Linderung der Schmerzen, die durch die Verkrampfung verursacht werden.
Bei der spasmodischen Dysphonie (Adduktor) werden Injektionen von Botulinum-Toxin
perkutan (unter EMG-Kontrolle) oder peroral in den Vocalis-Arytenoideus-Muskelkomplex
durchgeführt. Etwa 80% der Betroffenen können nach den Injektionen wieder normal oder
fast normal sprechen. Auch hier hält die Wirkung etwa ein Vierteljahr an. Bisher ist
keine nachlassende Wirkung beschrieben worden. Es gibt Patienten, die schon über 40
Behandlungen hinter sich haben.
Botulinum-Toxin-Nebenwirkung
Im Prinzip erklären sich die möglichen vorübergehenden Nebenwirkungen durch eine zu
starke Schwächung der von den Injektionsorten benachbarten Muskulatur.
bei Blepharospasmus
Schwellung des Lides, Ptosis, Trockenheit der Augen, so dass Augentropfen notwendig
werden, Tränen der Augen, Schwierigkeiten das Oberlid zu schließen und andere äußerst
seltene Nebenwirkungen wie Ektropium, Hornhautentzündung, Doppeltsehen, Blutung und
Entropium.
bei zervikaler Dystonie
Schwäche der behandelten Muskeln, in seltenen Fällen erschwerte Kopfhaltung und
Schluckstörungen.
bei spasmodischer Dysphonie
verhauchte Stimme und Hyperventilation bis zu sechs Wochen. In seltenen Fällen
Schluckstörungen.
bei Schreibkrampf
Schwäche der Hand, mitunter vorübergehend beeinträchtigender als der Zustand vor der
Injektion. Musikerkrämpfe sind sehr schwierig zu injizieren. Die Lokalisierung des
Muskels und Dosistitrierung setzt viel Erfahrung voraus.
Ausschluß eines Segawa-Syndroms (L-Dopa-sensitive Dystonie) mit
L-Dopa plus peripherem Decarboxylase-Inhibitor, 600mg L-Dopa/die, über 8 Wochen bei
Kindern und Jugendlichen, auch als Versuch bei symptomatischen Formen unabhängig vom
Alter, da diese ebenfalls von L-Dopa profitieren können, wenn auch nicht so dramatisch.
Bei generalisierten, multifokalen oder auch schwierigen fokalen Dystonien, die schlecht
auf eine lokale Therapie mit Botulinum-Toxin ansprechen (z.B. Kieferöffnungsdystonie,
axiale Dystonie, Totipelvis), können abhängig von der klinischen Situation (subjektiver
und objektiver Leidensdruck, sekundäre muskuloskeletale Veränderungen, CK-Erhöhung)
verschiedene Medikamente erwogen werden. Es sind viele Medikamente zur Behandlung von
Dystonien vorgeschlagen worden. Dies hier ist eine Auswahl von Medikamenten über die
international ein Konsens besteht, dass sie effektiv sind, wenn auch nebenwirkungsreich.
Die individuelle Einstellung erfordert viel Geduld. Behandlungsversuch zunächst einzeln,
bei mangelndem positiven Effekt, Versuch einer Kombination:
Anticholinergika
- Trihexyphenidyl (A/D: Artane® 2mg tbl, 5mg tbl, 5mg ret kps)
- Biperiden (A/D: Akineton® 5mg A, 2mg tbl, 4mg ret drg) bis Verträglichkeitsgrenze
1-2mg wöchentlich steigern (siehe auch NW!)
- jugendliche Dystoniker profitieren und vertragen Dosen von über 80mg/d, eine formale
kognitive Psychometrie ist zu Therapiebeginn empfehlenswert, um den Effekt hochdosierter
Anticholinergika zu überwachen.
Dopaminspeicherentleerer
- Tetrabenazin hemmt die Speicherung von Dopamin und Noradrenalin im ZNS, (Nitonam®
Roche, über internationale Apotheke) bis 300mg/d, 25mg täglich (stationär) steigern
(NW: Müdigkeit, Schwindel, medikamentöses Parkinson-Syndrom, Depression, akute
Akathisie)
Kombination (bei jungen Dystonikern)
- Trihexyphenidyl
- mit/ohne Tetrabenazin
- mit dem Neuroleptikum Pimozid 6-12mg/d (A/D: Orap® 1mg tbl, 4mg forte tbl)
- Cave: EKG-Kontrollen QT-Zeit verlängert
- oder Trihexyphenidyl
- und Baclofen (Lioresal®)
Intrathekale Baclofen per Pumpe
- derzeit im experimentellen Stadium
- kann bei extremer axialer oder Beindystonie angeboten werden, analog intrathekaler
Spastik-Behandlung, höhere Dosis notwendig, nicht alle Patienten profitieren
gleichermaßen
Benzodiazepine
- z.B. Diazepam (Gewacalm®)
- helfen vielen Patienten, sind jedoch auf einen unspezifischen sedierenden Effekt
zurückzuführen
Chirurgische Verfahren
- peripher: selektive Denervierung nach Bertrand bei zervikaler Dystonie, selektive
Fazialisdenervierung und Myektomie für Blepharospasmus (Rezidive häufig). Es gibt
weltweit sehr wenige Chirurgen, die genügend Erfahrung bei diesen Operationen haben.
- zentral: ventrolaterale Thalamotomie wird nur noch an wenigen Zentren weltweit
durchgeführt, bei proximalen Dystonien nicht indiziert, ist eigentlich nur schwersten
Hemidystonien vorbehalten, wenn alle medikamentösen und lokal peripheren Verfahren
versagen.
Begleitende Therapieformen
- Krankengymnastik: Kontrakturvermeidung
- Psychotherapie: Unterschiedlichste Psychotherapieformen (Psychoanalyse,
Verhaltenstherapie, Biofeedback) wurden bei den Dystonien bisher häufig angewendet. Eine
Heilung ist damit aber nicht zu erreichen. Eine begleitende Psychotherapie kann jedoch
nützlich sein, um die den Verlauf komplizierenden psychischen Belastungen einer chronisch
stigmatisierenden Erkrankung vorzubeugen und Verarbeitungsstrategien zu entwickeln
|